Blockbuster

Native Instruments Reaktor 6 im Test

Mit Reaktor hat Native Instruments das wohl mächtigste Werkzeug geschaffen, mit welchem sich Software-Instrumente und Effekte entwickeln lassen. Nicht nur eine riesige Community an Instrumenten-Designern belegt dies, sondern eine Vielzahl an außergewöhnlichen Software-Synthesizern wie etwa Razor, Prizm, Rounds oder Kontour…

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Angefangen hat das Ganze Mitte der 1990er-Jahre. Damals hieß Reaktor noch „Generator“ und war der erste Modular-Synthesizer für den Rechner. Konnte Generator zunächst die Patches klassischer analoger Modularsysteme im Rechner simulieren, läutete Native Instruments einige Jahre später mit Reaktor die nächste Generation ein, die mit Sampling, Granularsynthese und Physical-Modeling auf sich aufmerksam machte. Reaktor entwickelte sich rasant weiter. Einerseits beflügelte dies kreative Sounddesigner zu immer neuen Instrumenten-Ideen, andererseits wurde Reaktor auch immer schwieriger zu handhaben, so dass so manch einer sich die grundsätzliche Frage stellen musste, ob man Instrumente entwickeln oder lieber Musik machen möchte.

Als Musiker darf man sich über fantastische Instrumente freuen, die im Reaktor Player laufen – man muss also nicht alles selber bauen, wenn man von den z.T. einzigartigen Soundmöglichkeiten der Reaktor-Instrumente profitieren möchte. Reaktor wurde ja stets auch mitsamt einer Instrument-Collection geliefert, die bei der täglichen Arbeit immer von neuem inspiriert. Trotzdem: Das Hantieren mit den Instrumenten hat auch immer etwas von „Preset-Drücken“ – erfreulich daher, dass Native Instruments mit Reaktor Bocks nun einen Schritt in Richtung Modular System macht.

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Klanglich flexibel: Mit sechs Filter-Architekturen bietet Reaktor Blocks alle wichtigen Tools zur Klanggestaltung.

Sound-Lego. Der Ansatz von Reaktor Blocks ist es, Synthesizer-Bausteine frei verknüpfen zu können, ganz wie bei einem klassischen Modular System. Wer sich nun fragt, wozu man denn dazu bitteschön die Blocks braucht, denn letztendlich haben wir damit ein Modular System im Modular System (das Reaktor ja in sich bereits ist) – hier eine Antwort: Die Blocks sind innerhalb der Reaktor-Terminologie zunächst nichts anderes als Instruments, und ein Patch ist ein Ensemble – also alles wie gehabt. Aber: Die Blocks sind in sich geschlossene Module mit einer komplexen Struktur. Ganz ähnlich wie in der Hardware-Welt wurden hier Module mit ganz bestimmten Konzepten und Klangeigenschaften entwickelt – und man darf sicher gespannt sein, welche Reaktor Blocks in Zukunft noch hinzukommen werden.

Schon jetzt hat man eine sehr gute Auswahl, die sich für verschiedene musikalische Ansätze eignet. So gibt es klassische Oszillatoren, Filter, Envelopes, Stepsequenzer etc., um typische subtraktive Synth-Patches zu bauen. Ebenso gibt es die Zutaten für Patches mit Westcoast-Ausrichtung (Buchla), und auch Resonator-Patches mit Comb-Filtern sind möglich.

Aber wo sind die Kabel? Wenn man zum ersten Mal ein Ensemble aus der Reaktor Blocks Library öffnet, vermisst man spontan die Patchkabel. Von der Telefonschrank-Nostalgie alter Modular Systeme hat man sich bei Reaktor Blocks vollends verabschiedet – ein Klick auf „Panel | Structure“ genügt, und unterhalb der Modulansicht zeigt sich die Verkabelung der Module. Das macht erst mal einen sehr aufgeräumten Eindruck und ist vor allem bei der Klanggestaltung äußerst praktisch, da nicht ständig irgendwelche Strippen im Bildschirm herumwabern und einem den Blick auf die Regler und deren Beschriftungen versperren.

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Keine Kabel versperren den Blick. Die Panel-Ansicht zeigt die Moduloberflächen, zum Patchen dient die Structure-Ansicht im unteren Teil des Bildschirms.

Ansonsten unterstreicht die geschmackvolle Gestaltung der Moduloberflächen den modernen Ansatz von Reaktor Blocks sehr gut – dieser frische Look hat mir bereits bei Native Instruments Effektbaukastensystem Molekular sehr gut gefallen. Es geht hier aber nicht einfach um maximal schickes Design, sondern hier mündet alles in eine intuitive Handhabung von Reaktor Blocks:

An der Oberfläche konzentriert man sich auf die Klanggestaltung, in der Structure geht’s um die Gestaltung des Patches. Und auch das verläuft schnell und übersichtlich: Einfach aus dem Library-Browser ein neues Modul in die Structure ziehen, patchen, in der Panel-Ansicht nach Wunsch positionieren und weiterschrauben. In letzterer müssen keine Regler oder Buttons positioniert oder definiert werden – alles ist so vorbereitet, dass man musikalisch stets im Fluss bleiben kann. Hilfreich ist ausserdem, dass die Moduloberflächen in der Structure-Darstellung auf den Blocks klein abgebildet sind.

Wer mit Reaktor noch nie gearbeitet hat, wird sich an die kleinen abgebildeten Käbelchen vielleicht gewöhnen müssen, aber alles in allem lässt sich prima damit hantieren – selbst auf dem kleineren Bildschirm eines Laptops. Wünschenswert wäre allerdings noch, in der Structure ein Modul bei bestehender Verkabelung austauschen zu können, um z.B. mal schnell das State Variable Filter gegen das Monark-Filter zu vergleichen.

Und der Sound? „Klanglich flexibel“ würde wahrlich abgedroschen klingen, zumal man genau das bei einem Modular-Synthesizer getrost voraussetzen darf. Dennoch trifft es für Reaktor Blocks zu, denn die zur Auswahl stehenden Module berücksichtigen verschiedene Synthesekonzepte, was sich schon anhand der Library-Ordner ablesen lässt: Boutique, Digilog, Modern, West Coast lassen schon vermuten was einen erwartet. So findet man in den Ordnern insgesamt sechs sehr unterschiedlich klingende Filter-Architekturen – von State Variable Filter bis Lowpass-Gate.

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Die Möglichkeiten reichen vom klassischen subtraktiven Synthesizer

Reaktor Blocks einem bestimmten Klangcharakter zuzuweisen, wäre daher recht schwierig. Vielmehr findet man die Gelegenheit, eine Vielzahl von Synthese-Konzepten zu verwirklichen. Man könnte nun anmerken, dass die West Coast-Abteilung nicht ganz so krass nach 60er Experimental klingt wie beim Aalto von Madrona Labs – aber dieser spezielle Softsynth ist nun mal darauf spezialisiert. Reaktor Blocks ist dafür ein völlig anderes Konzept, das viel wandlungsfähiger ist und eben viel mehr Freiheiten bieten kann. Und was den Sound von Reaktors „Complex Oszcillator“-Version betrifft – auch der kann sich hören lassen. Das Lowpass Gate ist auch hier sehr flexibel einzustellen zwischen „Vanilla“, „Smooth“ und „Snappy“ – damit gelingen auch die typischen Buchla-Bongos ausgezeichnet.

Man nehme… Die umfassendste Auswahl an Modulen findet sich im Ordner Bento Box – eine komplette Mahlzeit mit allen Zutaten für einen kompletten Subtraktiven Synthesizer Oszillator, Filter, VCA, Mixer, Envelopes, LFO etc. Wer weiter verfeinern möchte, findet unter „Boutique“ einen kleinen aber feinen Gewürzschrank mit Dual-Filter á la MS-20, einen Multiwave-OSC und einen 5fachen OSC, dessen Schwingungen den Fußlagen 32’  bis 2’ fest zugewiesen sind. Pro Fußlage kann man die Wellenformen Rechteck, Puls und Sägezahn anwählen, die mit Shape/PWM moduliert werden können. Das klingt sehr nach den Combo-Orgeln der 70er und ist auch für sehr trashige Synthsounds eine tolle Klangquelle. Verbunden mit einem Step-Sequenzer lassen sich damit auch schon etwas extremere Sachen anstellen. Bei sehr tiefen Frequenzen kracht das Teil zudem richtig böse!

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… bis zum West Coast Sound: Complex Oscillator (DWG) und Lowpass Gate (LPG) und der kaskadierbare 4fach Envelope Generator ermöglichen Sounds mit ganz eigener Klangästhetik.

Vom Block zur Komposition. Das Schöne an Modular Systemen generell ist, dass man ganz intuitiv mit einem kleinen Element beginnt und mit jedem weiteren Baustein seine Sound-Idee verfeinert und weiter aufbaut – bis hin zum komplexen Selbstspieler-Patch, das ein ganzes Musikstück oder eine sich ständig bewegende Klanglandschaft erzeugt. Auch mit Reaktor Blocks ist das möglich. Dabei helfen ein 8-Step-Sequenzer und ein 4facher Modulations-Sequenzer. Sie lassen sich durchaus mehrfach verschachtelt anwenden, sodass parallel Klangprozesse gesteuert werden können. Drum-Beats, Sequenzer-Lines mit Filter-Akzenten und überlagernden LFO-Cutoff-Moves – alles kein Problem. Auch für rhythmisch vertracktere Sequenzen und permutierende Motive bekommt man alles geboten, was man letztlich braucht. Mittels Clock-Divider, Quantizer, und Switches kann man hier frei schalten und walten. Selbstverständlich lässt sich auch ein LFO zur Clock syncen.

En Bloc. Auf sämtlich Details einzugehen, würde von Hunderten ins Tausendste führen – Reaktor bleibt das mächtigste Entwicklungstool für Software-Synthesizer und die verrücktesten Sounddesign-Ideen. Mit Reaktor Blocks macht Native Instruments allerdings einen wichtigen Schritt, ganz ohne auf die derzeitige Hipness eines Modular-Synthesizers zu schielen. Viel wichtiger ist, dass Reaktor Blocks das Software-Tool für Musiker deutlich zugänglicher macht als bisher. Synthesizer-Strukturen mit bedienbaren Oberflächen selber zu bauen war mit Reaktor bislang doch deutlich komplizierter. Mithilfe der vorgefertigten Module kann jeder schnell Synthesizer-Strukturen aufbauen und eine Weite Palette von Synthese-Konzepten für seine Musik nutzen. Dabei sind die Reaktor Blocks-Ensembles ein guter Grundstock, der sich aufgrund der übersichtlichen Struktur schnell ändern, ergänzen und anpassen lässt.

Ohne Zweifel ist das Arbeiten mit analogen Systemen noch mal etwas Anderes, und selbstredend hat die analoge Klangwelt feinere Nuancen zu bieten. Aber mit Reaktor Blocks ziehen in den Audiorechner jede Menge Sounds und Patches ein, die beim täglichen Musikmachen und Produzieren sehr inspirieren können. Das Modul-Set von Reaktor Blocks ist anständig und klanglich ergiebig – mir fehlen zwar noch ein Ringmodulator und Frequency-Shifter, aber Sounds mit ähnlicher Anmutung kann man auch bestens mit dem West Coast Oszillator machen. Also: Wer nicht gleich in einen Modularschrank investieren will oder auf Speicherbarkeit nicht verzichten kann, sollte sich Reaktor Blocks unbedingt anschauen. Absolut empfehlenswert und ganz einfach total cool!


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