Konstruiert, „Weil ich den 200 mag“

Buchla 200e: der Übersynth

Mitte der 90er arbeitete Don Buchla an der Komplettierung des Oberheim OB-Mx-Rack-Synthesizers. Ansonsten entwickelte er aber eine ganze Zeit lang keinen ganz neuen Synth, sondern konzentrierte sich vorwiegend auf spezielle MIDI-Controller, u. a. auch das Piano Bar.

Paul Haggard
Der jüngste von Don Buchlas Modular- Synths ist dieses Series-200e-System, das David Kean gehört. Es umfasst: 210e Controller Signal Router 225e MIDI Decoder/Preset Manager 227e System Interface 249e Dual Arbitrary Function Generator 259e Complex Waveform Generator 260e Duophonic Pitch Class Generator 266e Source of Uncertainty 281e Quad Function Generator 291e Triple Morphing Filter 292e Quad Dynamics Manager 201-18 Powered Cabinet.

Vielleicht war es die Kombination aus Bob Moog, der einen neuen Minimoog baute, und der aufrichtigen Ermutigung durch David Kean und andere Enthusiasten, die Buchla dazu bewogen, wieder einen neuen Modular-Synthesizer zu entwickeln. Er hieß 200e, und in vielerlei Hinsicht borgte er sich Ideen aus, deren Saat man bereits in der Original-Series-200 findet. „Die Funktionsdichte des 200e ist fast doppelt so groß wie die des 200“, behauptet Buchla. „Der 200e bringt mehr Funktionen auf der gleichen Fläche unter, und er wurde neu verpackt. Mit nur 7,7 Kilo ist er extrem leicht.“

Warum hat er sich dafür entschieden, solch alte Module wieder neu zu beleben? „Weil ich den 200 mag“, sagt er. „Ich habe ihn sehr viel gespielt und hatte ihn oft im Einsatz, aber er hatte zwei entscheidende Schwachpunkte, die der 200e beseitigt. Die Patches können gespeichert werden, außerdem wurde MIDI dort zu einem sehr wichtigen Aspekt, und nun lässt er sich mit vielen verschiedenen Controllern steuern. Es ist schon seltsam. Erst ging ich dazu über, Controller zu bauen, und dann erkannte ich, ‚Nun, bei den Synths tut sich gar nichts mehr.’ Also wendete ich mich wieder dem Bau von Synths zu, und nun baue ich beides – und mache mir Gedanken über beides.“

Der 200e bietet tolle Möglichkeiten für Synthese, Komposition und Performance, aber er ist mit Sicherheit kein Schnäppchen. Manch einer spekulierte darauf, dass Software wie Native Instruments Reaktor und Cycling ’74 Max/MSP im Wesentlichen Ähnliches leisten könnten, nur viel erschwinglicher. Können sie an die musikalischen Stärken des 200e heranreichen? „Ich glaube, sie können sich ihnen annähern, aber auf ganz anderen Wegen“, sagt Buchla. „Ich habe die Software-Synthese nicht abgehakt. Ich mag sie selber, aber ich spiele Soft-Synths nicht gerne. Selbst mit Controllern fühlt es sich unbeholfen an. Ich möchte einfach einen Knopf anfassen und den etwas tun lassen, Punkt. Ich will nicht mit der Maus an einem Parameter herumregeln. Es muss unmittelbar sein.“

„Es klingt auch nicht identisch“, versichert Kean. „Ich habe Reaktor, und ich arbeite dauernd damit. Ich arbeite mit Absynth, mit dem Zeug von Arturia, und es klingt nicht genauso. Aber es ist nicht nur der Sound.

Wenn ich ein Kabel sehe, das den Oszillator mit dem Filter verbindet, dann ist das für mich eine sehr wichtige Information. Das Kabel zeigt mir, welche Module im Spiel sind. Arturia haben das mit ihrem Moog-Modular-V-System sehr schlau gemacht. Ich liebe es, wie die Kabel dort aus dem Weg springen, wenn man es will. Bei einem Buchla wird man das nicht erleben. Aber ich liebe auch immer noch 3D-Bilder. Ich mag die Tatsache, dass ich binokular sehe und sagen kann, ob etwas im Vorder- oder im Hintergrund ist. Auf einem Computerbildschirm geht so etwas nicht.

Die andere Sache ist taktil. An einem Buchla kann man jeden Knopf greifen“, fährt Kean fort. „Das ist nicht das Gleiche wie einen Knopf auf einem Controller anzufassen und zu sehen, wie sich ein virtueller Knopf auf dem Bildschirm bewegt. Sorry, das ist es einfach nicht.

Ist das ein großer Unterschied? Nun, die Leute geben Tausende Dollars für den richtigen Wasserfarben-Pinsel aus. Ein Picatte-Geigenbogen kostet 20.000 Dollar. Es gibt viele Beispiele dafür, wie wertvoll es einem Musiker sein kann, wie sich ein Instrument anfühlt. Typen, die eine 59er Les Paul haben, diskutieren endlos darüber, mit welchen Tricks sie die Oberflächen ihrer Bundstäbchen optimieren.“


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Buchlas Aufnahmen

Don Buchlas Instrumente sind sehr individuell, experimentell und deshalb weltweit nicht so verbreitet wie die von Moog, ARP, EMS oder anderen Herstellern. Dementsprechend schwieriger ist es auch, Aufnahmen von Buchlas zu finden. Hier eine Liste von Hörproben:

• Auf seinen Alben ‚Silver Apples of the Moon’, ‚Sidewinder’, ‚Until Spring’ und ‚A Sky of Cloudless Sulphur’ setzte Morton Subotnick (www.mortonsubotnick.com) ausgiebig Buchla-Instrumente ein. Die beiden frühen Alben, ‚Silver Apples of the Moon’ und ‚The Wild Bull’ gibt es heute gemeinsam auf einer CD. Einige seiner späteren Werke wurden digital remastert und von Mode Records (www.mode.com) auf zwei DVDs wieder veröffentlicht: ‚Morton Subotnick Volume 1/2: Electronic Works’.
„‚Sidewinder’ und ‚Until Spring’ [auf DVD 2] sind für mich das Schönste, was jemals auf einem 200 gemacht wurde“, schwört David Kean. „Ich liebe diese Stücke. ‚A Sky of Cloudless Sulphur’ [auf DVD 1] kommt nahe heran. Die 100-Kilo-Noten, die da aus den Lautsprechern knallen, bringen einen fast um. Es ist verblüffend! Mort erzeugt die perkussiven Klangfarben mit den Filtern, die einfach großartig sind.“

• Ein Buchla Touché war das wichtigste Instrument, das David Rosenboom auf dem Album ‚Future Travel’ (1982) einsetzte. Rosenboom hat ‚Future Travel“ digital remastert und hofft, dass es in naher Zukunft auf CD wieder veröffentlicht wird. Sein ‚Invisible Gold’ gibt es bei Pogus Records (www.pogus.com) auf CD. Auf zwei der Tracks hört man Buchla Series-200- und 300-Module sowie einen Music Easel.  Rosenboom arbeitete auch mit Gehirnstrom-Monitoren und -Analyse-Controllern, die er selber entwickelte, um die Buchla-Geräte und andere Klangerzeuger über einen Interdata-16-bit-Mini-Computer mit Magnetkernspeicher, Fernschreiber und Lochstreifen-Leser zu steuern.

• Zwischen 1970 und 1983 komponierte und produzierte Laurie Spiegel die zwölf herausragenden Tracks von ‚Obsolete Systems’ (über Electronic Music Foundation, www.emf.org). Pro Track setzte sie jeweils nur ein Instrument ein – eines, das in jenen Tagen state-of-theart war. Buchlas Modular-Systeme sind auf zwei Tracks zu hören. Spiegels expressiver Einsatz von Buchla, EML Electrocomp 100, Apple II Computer mit Mountain Hardware Oscillator Boards, Bell Labs Hybrid-System GROOVE (Generating Realtime Operations On Voltage-Controlled Equipment) und Hazelcom McLeyvier Synths ist Ehrfurcht gebietend.

• MP3s der Band Straylight mit dem Buchla Music-Easel-Virtuosen Charles Cohen kann man bei www.straylight.ws/audio.html downloaden. Derzeit ist er der weltweit aktivste ‚Botschafter’ des Music Easel. So oft wie er ist niemand sonst damit aufgetreten, nicht einmal Don Buchla selbst.

• Charlemagne Palestines CD ‚In-Mid-Air’, die auf Buchla Series-100- und 200-Systemen produziert wurde, ist über das italienische Label Alga Marghen erhältlich.


Kleine Leckerbissen

• Das Electric Weasel Ensemble war eine Live-Truppe, die mehrere Music Easel spielte. Kean sagt, „Zur Band gehörten Don Buchla, Allen Strange (der das Easel-Handbuch geschrieben hatte), Patricia Strange, Stephen Ruppenthal und David Morse.“

• Gemeinsam mit Bob Moog entwickelte Don Buchla den MIDI-Wandler Piano Bar, erhältlich bei Moog (www.moogmusic. com): Ironie des Schicksals, dass die beiden Synth-Pioniere gerade bei diesem Thema zueinander fanden.

• Wer aktuelle Buchla-Instrumente wie 200e, Lightning II oder Marimba Lumina bestellen oder sich näher mit der Firmengeschichte befassen möchte, sollte die Webseite von Buchla and Associates besuchen: www.buchla.com. Ein weiteres Muss für Buchla-Fans ist Rick Smiths Seite: www.electricmusicbox.com

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