Beflügelt

Alpha Studio: Digitalpiano der High-End-Klasse im Test

Digitalpianos gibt es in den unterschiedlichsten Bauformen und Budgetklassen, und jeweils gemessen am Preis bekommt man heute selbst im Einsteigerbereich eine tolle Qualität. Was aber, wenn man ein Digitalpiano ohne Kompromisse mit den bestmöglichen Spieleigenschaften konstruiert? Das Alpha Studio ist ein geradezu luxuriöses Beispiel dafür …

Ob es am geradlinig minimalistischen PorscheDesign liegt oder am per Motorsteuerung höhenverstellbaren Gehäuse − der futuristische und zugleich edle Look vermittelt bis ins kleinste Detail den Eindruck des Besonderen. Kein Zweifel, dieses Instrument passt optisch − übrigens auch vom Preis − zu modernem Luxus-Interieur. Millionenschwere Villen und Hochsee-Yachten sind die Orte, für die das Alpha Studio des österreichischen Herstellers Alpha Pianos wie geschaffen erscheint. Entsprechend erlauchte Kundschaft aus der internationalen Musikszene spielt ein Alpha Studio, darunter Lady Gaga und Lenny Kravitz.

Sollte jemand das Ganze für übertriebenen DesignSchnickschnack halten: Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, denn was Alpha Pianos hier präsentiert, ist neben kompromissloser Fertigung und Design eine absolute Innovation an der Schnittstelle zwischen traditionellem Klavierbau und modernster ControllerTechnologie.

Mastermind von Alpha Pianos ist Mario Aiwasian, der viele Jahre bei Bösendorfer gearbeitet und auch bei der Entwicklung des ersten Computer-Flügels CEUS mitgewirkt hat. Bei einem Besuch im idyllischen St. Andrä-Wördern bei Wien gewährt er uns einen Blick unter die Haube des Hightech-Klaviers. Wir staunen nicht schlecht, darunter keine Wundermaschine aus hunderten funkelnder Platinen und Prozessoren zu erblicken, sondern Holz. Und zwar jede Menge davon, filigran verbaut in Form von Tastatur und Mechanik eines akustischen Instruments.

Vom Hammer zum elektronischen Impuls.

Der Vergleich zu Hybrid-Instrumenten einiger japanischer Hersteller liegt natürlich nahe, aber Tasten aus Holz allein sind nicht das Maß der Dinge. Im Alpha Piano finden wir zunächst 1:1 die Klaviatur und Renner- Mechanik eines Konzertflügels. Wenn man so will, sind das die feinsten Zutaten, die man auch in einem Steinway D oder Bösendorfer 280 vorfindet − spieltechnisch betrachtet ist das High-End.

Den markanten Unterschied zu herkömmlichen Hybrid-Pianos macht dann aber ein winziges elektronisches Bauteil. Die Übertragung des Hammeranschlags auf die Elektronik, welche die Klangerzeugung dazu veranlasst, Töne von sich zu geben, erfolgt auf spezielle Weise. Denn über den Hammeranschlag wird nicht nur der Trigger-Impuls übertragen, sondern auch die Anschlagstärke (Velocity) ermittelt. Die Synchronität von mechanischer Bewegung und der elektronischen Übertragung ist so hundertprozentig gewährleistet. Das spürt man beim Spielen: Bei jeder Anschlaggeschwindigkeit ist der Tastenweg an jedem Punkt nachvollziehbar, was eine extrem präzise Kontrolle der Anschlagstärke erlaubt.

Möglich macht dies ein eigens entwickeltes Sensorsystem: Die Hammerköpfe schlagen gegen eine Kunststoffzunge, die sich in ihrer Spannung und Elastizität wie eine Klaviersaite verhält. Das Spezielle aber ist: Das darin integrierte Sensorsystem setzt die Materialdehnung in elektrische Impulse um. Note-On und Velocity werden so als ein zusammenhängendes Ereignis erzeugt. Bei anderen Systemen klopft der Hammer einfach gegen einen Gegenstand, während die Events für Note und Velocity an anderer Stelle ermittelt werden. Im schlimmsten Falle sind der Attack des Klangs und der gefühlte Hammeranschlag nicht synchron. Ein zweiter Sensor unterhalb der Tastatur kümmert sich übrigens um das Note-Off-Event. Spieltechnisch erlaubt dieses System unter anderem sogar auch das Nachfassen von Tönen.

Ein in seiner Direktheit einfaches, aber sehr ausgeklügeltes System, das sich nach dem Einschalten automatisch kalibriert und hinsichtlich des Dynamikverhaltens justieren lässt. Dynamikkurven und andere individuelle Grundeinstellungen werden bequem über den Internet-Browser erledigt, sobald das Alpha Studio per Ethernet im LAN angemeldet ist. Hier lässt sich dann einstellen, wie sich das Instrument verhalten soll. Die Dynamikkurve kann man hier über eine Grafik einstellen und ebenso, wie empfindlich die Pedale reagieren sollen. Letztere können neben den Standardfunktionen auch andere Aufgaben übernehmen und zur Steuerung von Lautstärke oder Reverb eingesetzt werden.

Top-Verarbeitung.

Dass das Alpha Studio ein Instrument der Extraklasse ist, vermittelt sich schon rein äußerlich. Das beginnt bereits mit der Typenbeschriftung – Intarsien aus hauchdünn geschliffenem Neusilber – und zieht sich konsequent durch sämtliche Elemente des Instruments, bis hin zur Pedaleinheit, die aus massivem Aluminium besteht. Die Pedale sind sehr gut ausbalanciert und erlauben eine exakte Kontrolle − vor allem beim Halbpedal spürt man das.

Der Tastaturdeckel ist ins Gehäuse integriert, sodass er sich dezent über die Klaviatur schieben lässt. Die auffälligsten Bedienelemente sieht man rechts neben der Tastatur. Die Potis zum Einstellen von Lautstärke, Reverb, Sounds und Anschlagdynamik lassen sich aber durch Drücken im Panel versenken. Überhaupt tritt alles »Technische« optisch in den Hintergrund. Beim Spielen nimmt man nur die wesentlichen Dinge wahr: die Tastatur und den Sound!

Authentischer Klang.

Intern arbeitet eine Sampling-basierte Klangerzeugung, die verschiedene Varianten an Pianosounds und auch E- und FM-Pianos bietet. Im Vordergrund steht aber sicher der akustische Klavierklang − eine Variante des Bösendorfer-Flügels aus der Vienna Symphonic Library. Der Sound lässt sich hochauflösend − und zwar sehr dynamisch − spielen und begeistert durch seine Ausgewogenheit und Größe. Die Klangerzeugung arbeitet hier mit 128-facher MIDI-Auflösung, theoretisch kann das ControllerSystem von Tastatur und Pedalen aber mit deutlich größerer Auflösung arbeiten und ist für zukünftige Entwicklungen schon mal gut gerüstet.

Anders als bei herkömmlichen Digitalpianos ist übrigens die Klangwiedergabe. Das Lautsprechersystem strahlt nach unten ab, wobei das Bass-System aus einem Speaker und zwei gegenphasig schwingenden Freimembranen besteht. Seitlich befinden sich dann links und rechts Mitten/Hochton-Speaker, die eine möglichst diffuse Klangabstrahlung erzielen sollen. Das Ganze ist außerdem so konstruiert, dass man die Eigenschwingung des Instruments beim Spielen in den Händen spürt. Insgesamt entsteht so ein sehr authentischer Klangeindruck, der sich räumlich auf angenehme Weise für die Zuhörenden fortsetzt − es klingt eben nicht nach »Lautsprecher-Gerät«, sondern vielmehr nach einem selbstklingenden Instrument.

The Future is now.

Mit dem Sensorsystem des Alpha Studio zeigt der Hersteller einen neuen Weg, wie man das Thema Digitalpiano angehen kann. Aufgrund seines hohen Preises (ca. 25.000,− Euro) wird es sicher keinen breiten Käuferkreis erschließen, aber vor allem Pianisten aus dem Profilager bekommen ein fantastisches Instrument, das allerhöchsten Ansprüchen gerecht wird. Es bietet eine Spielperformance wie kein anderes Digitalpiano. Diese feinsten Nuancen zu spüren und spieltechnischen zu nutzen, ist allerdings wirklich den Pianoprofis vorbehalten.

Wegweisend ist Alpha Pianos aber noch mit einem ganz anderen System namens »MPiano«, das als reines Controller-Keyboard konzipiert ist. Im Namen steckt zwar der Begriff »Piano«, aber hier bewegt man sich auf völlig neuem Terrain − spieltechnisch und technologisch betrachtet. Das auffällige Design vermittelt dies auch ganz unmissverständlich.

Das MPiano ist zunächst zwar als Tasteninstrument zu spielen, bietet aber völlig futuristische Möglichkeiten mit einer ungekannten Flexibilität. Bislang durfte man das Instrument nur als Computergrafik bewundern, bei unserem Besuch der Entwicklungsabteilung von Alpha Pianos konnten wir aber schon den ersten Prototyp anfassen.

Klavierspielen war gestern.

Ein interessanter Ansatz dabei ist, den bereits angeschlagenen Ton weiterhin formen zu können. Formt man beim klassischen Klavierspielen den Ton mit dem Anschlag, so lassen beliebige elektronische Klänge noch ganz andere Möglichkeiten offen, über Controller z. B. Filter-Cutoff, Resonanz und dergleichen zu steuern. Gerade das polyfone Spielen elektronischer Sounds ist bei heutigen Masterkeyboards aber arg limitiert, selbst ein Breath-Controller-Anschluss (z. B. wie beim Arturia KeyLab) hat großen Seltenheitswert. Dinge wie polyfoner Aftertouch haben sich nicht durchgesetzt, da wohl die breite Masse an Usern nicht dazu bereit ist, für ein solches Feature einen höheren Preis eines Instruments oder Controllers zu akzeptieren.

Ein Jammer, welche weitreichenden Möglichkeiten elektronischer Klänge beim Performen ungenutzt bleiben. Sicher ist es möglich, im Sequenzer die Controller-Daten zu editieren, aber neue Ausdrucksmöglichkeiten per Echtzeit über ein vertrautes »Interface« zu performen, das verlangt nach einem speziellen Controller.

Mit der Tastatur findet man schon mal ein vertrautes Element vor, aber diese Klaviatur hat es in sich. Bereits der Tastenweg hat gegenüber herkömmlichen Tastaturen einen anderen Winkel, was eine sehr feine Kontrolle erlaubt. Außerdem ist jede Taste des MPianos mit einem Sensor ausgestattet, der die Fingerbewegung an der Tastenoberfläche abtastet und als Controller-Informationen in den MIDI-Datenstrom überträgt. So kann man einen bereits angeschlagenen Ton in der Sustain-Phase per Controller steuern.

Velocity-Design.

Das aber mit Abstand abgefahrenste Feature am MPiano ist die Möglichkeit, das komplette Anschlagverhalten mechanisch variabel zu gestalten. Das ist revolutionär und bedeutet, dass wir den mechanischen Widerstand der Tasten an die Erfordernisse des Sounds anpassen können. Keyboarder, die beim Arrangieren im Studio und auch beim Livespielen immer verschiedene Sounds einsetzen, wissen, warum sich z. B. ein Orgelsound schlechter über eine Pianotastatur spielen lässt als über eine Synthi- oder Waterfall-Tastatur. Genaugenommen ist es mit Strings schon wieder anders, und hier werden dann auch schon zusätzliche Funktionen bzw. Controller gebraucht, die entsprechende Artikulationen des Sounds überhaupt erst möglich werden lassen. Ein Elektrobass-Patch sollte sich beim Spielen anders anfühlen als ein Konzertgitarren-Sound. Und wie schaut es erst mit völlig abstrakten Sounds aus, die man etwa mit NI Absynth durch Ringmodulation, FM oder Wellenform-Modulationen erzielen kann? Genau genommen wäre es perfekt, wenn man das Spielgefühl der Tastatur anpassen kann. Ein großartiges Feature des M-Piano.

Bis wir damit unsere Erfahrungen machen können, wird es sicher noch ein wenig dauern, denn man experimentiert hier noch mit unterschiedlichen Technologien. Auch wird die Tastenoberfläche natürlich anders ausschauen als bei dem uns gezeigten Prototypen, dessen Tasten eine raue Kunststoffoberfläche besitzen. Die Oberfläche soll laut Mario Aiwasian mit dem gleichen Material überzogen werden, das man auch bei einem Flügel vorfindet.

Die iPad-App zur Steuerung sämtlicher Funktionen hingegen funktioniert bereits. Sehr detailliert lassen sich die Controller und deren Regelbereiche einstellen, wobei das MPiano auch überlagerte Keyboard-Zonen steuern kann. Ein zukunftsweisendes Projekt, das wir mit Spannung erwarten.

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